Komplexe Zahlen
Kompetenzcode: AG 1.4
Bei manchen reichen die reellen Zahlen nicht aus.
Zum Beispiel:
Für jede reelle Zahl gilt
Deshalb besitzt diese Gleichung keine reelle Lösung.
Um solche Gleichungen lösen zu können, erweitert man den Zahlenbereich.
Man definiert die imaginäre Einheit
Damit gilt insbesondere
im Sinn der komplexen Zahlen.
1. Komponentenform einer komplexen Zahl
Eine komplexe Zahl wird häufig geschrieben als
Dabei sind
Diese Schreibweise nennt man Komponentenform oder algebraische Form.
Beispiele:
Auch reelle Zahlen sind komplexe Zahlen.
Zum Beispiel:
Auch rein imaginäre Zahlen gehören dazu:
2. Realteil und Imaginärteil
Für
gilt:
und
Wichtig:
Der Imaginärteil ist nicht , sondern der reelle .
Beispiel:
Dann:
3. Die Gaußsche Zahlenebene
Eine komplexe Zahl
kann als Punkt
in einer Ebene dargestellt werden.
Die waagrechte Achse zeigt den Realteil.
Die senkrechte Achse zeigt den Imaginärteil.
Für
gehört also der Punkt
Man kann die komplexe Zahl auch als Ortsvektor vom Ursprung zu diesem Punkt auffassen.
4. Aus einem Punkt die komplexe Zahl ablesen
Liegt in der Gaußschen Zahlenebene der Punkt
dann gilt:
und
Damit:
Liegt der Punkt unterhalb der reellen Achse, ist der Imaginärteil negativ.
Zum Beispiel:
entspricht
5. Komplexe Zahlen addieren
Beim Addieren werden Realteile mit Realteilen und Imaginärteile mit Imaginärteilen zusammengefasst.
Gegeben:
und
Dann:
Allgemein:
6. Komplexe Zahlen subtrahieren
Beim Subtrahieren muss besonders auf die Klammer geachtet werden.
Gegeben:
und
Dann:
Allgemein:
7. Komplexe Zahlen multiplizieren
Komplexe Zahlen werden wie Klammerterme ausmultipliziert.
Zusätzlich wird verwendet:
Beispiel:
Ausmultiplizieren:
Merke:
Nach dem Ausmultiplizieren immer einsetzen.
8. Die konjugiert komplexe Zahl
Zur Zahl
gehört die konjugiert komplexe Zahl
Beispiel:
hat die konjugierte Zahl
Das Produkt ist besonders wichtig:
Das Ergebnis ist reell.
Diese Eigenschaft verwenden wir bei der Division.
9. Komplexe Zahlen dividieren
Gegeben:
Im Nenner soll kein stehen.
Dazu erweitern wir mit der konjugierten Zahl des Nenners:
Dann:
Zähler:
Nenner:
Damit:
10. Betrag einer komplexen Zahl
In der Gaußschen Zahlenebene ist der Betrag der Abstand des Punktes vom Ursprung.
Für
gilt nach dem Satz des Pythagoras:
Beispiel:
Dann:
Der Betrag ist immer eine nichtnegative reelle Zahl.
11. Argument einer komplexen Zahl
Neben dem Abstand vom Ursprung kann man die Richtung einer komplexen Zahl angeben.
Der Winkel zur positiven reellen Achse heißt Argument.
Wir schreiben:
Für
kann der Winkel mithilfe von Real- und Imaginärteil bestimmt werden.
Beispiel:
Der Punkt liegt im ersten Quadranten.
Es gilt:
Daraus:
beziehungsweise
12. Beim Argument den Quadranten beachten
Die Rechnung
allein reicht nicht immer aus.
Betrachten wir:
Der Punkt liegt im zweiten Quadranten.
Der Bezugswinkel beträgt
Das tatsächliche Argument lautet aber
beziehungsweise
Wichtig:
Vor der Winkelberechnung immer feststellen, in welchem Quadranten der Punkt liegt.
Für
ist das Argument nicht definiert, weil der Nullpunkt keine eindeutige Richtung besitzt.
13. Polarform
Eine komplexe Zahl kann statt durch Real- und Imaginärteil auch durch
- ihren Betrag ,
- ihren Winkel
beschrieben werden.
Es gilt:
Dabei:
Diese Darstellung heißt Polarform.
14. Von der Komponentenform zur Polarform
Gegeben:
Schritt 1: Betrag
Schritt 2: Argument
Der Punkt liegt im ersten Quadranten.
Also:
Schritt 3: Polarform
15. Von der Polarform zur Komponentenform
Gegeben:
Wir verwenden:
und
Einsetzen:
Damit:
Allgemein gilt:
und
16. Addition geometrisch deuten
Eine komplexe Zahl kann als Vektor dargestellt werden.
Darum entspricht die Addition komplexer Zahlen der Vektoraddition.
Gegeben:
und
Dann:
In der Gaußschen Zahlenebene werden dabei die Vektoren
und
addiert:
17. Multiplikation mit geometrisch deuten
Betrachten wir:
Multiplikation mit :
Der Punkt
wird zum Punkt
Das entspricht einer Drehung um
gegen den Uhrzeigersinn.
Merke:
Multiplikation mit entspricht geometrisch einer Drehung um .
18. Warum wurden komplexe Zahlen eingeführt?
Betrachten wir:
Dann:
In den reellen Zahlen gibt es dafür keine Lösung.
In den komplexen Zahlen gilt:
Damit:
oder
Die komplexen Zahlen erweitern also den Zahlenbereich so, dass auch Gleichungen lösbar werden, die in keine Lösung besitzen.
19. Fundamentalsatz der Algebra
Ein besonders wichtiges Ergebnis lautet:
Fundamentalsatz der Algebra:
Jedes nichtkonstante Polynom mit komplexen Koeffizienten besitzt mindestens eine komplexe .
Zum Beispiel besitzt
die Nullstellen
und
Über den reellen Zahlen besitzt dieses Polynom keine Nullstelle.
Über den komplexen Zahlen schon.
20. Bedeutung des Fundamentalsatzes
Der Fundamentalsatz zeigt, warum die komplexen Zahlen für Polynomgleichungen so wichtig sind.
Im Bereich
fehlen nicht plötzlich Lösungen nur deshalb, weil eine benötigte Zahl außerhalb von liegt.
Ein Polynom vom Grad kann über den komplexen Zahlen vollständig in Linearfaktoren zerlegt werden, wenn Nullstellen mit ihrer Vielfachheit gezählt werden.
Beispiel:
Die komplexen Zahlen bilden damit den natürlichen Zahlenbereich für das vollständige Lösen von Polynomgleichungen.
21. Typische Fehler
Fehler 1: falsch behandeln
Falsch:
Richtig:
Fehler 2: Imaginärteil falsch angeben
Für
gilt:
Nicht:
Fehler 3: Bei der Subtraktion die Klammer vergessen
wird zu
Das Minuszeichen wirkt auf beide Teile der zweiten Zahl.
Fehler 4: Division ohne konjugierte Zahl
Bei einem komplexen Nenner wird mit seiner konjugierten Zahl erweitert.
Dadurch entsteht im Nenner eine reelle Zahl.
Fehler 5: Betrag ohne Wurzel
Für
gilt:
Nicht:
Fehler 6: Quadrant beim Argument ignorieren
Der Taschenrechnerwert von
muss zur Lage des Punktes in der Gaußschen Zahlenebene passen.
Fehler 7: Polarform ohne Betrag
Die Polarform lautet:
Der Faktor darf nicht vergessen werden.
22. Vorgehensplan für komplexe Rechnungen
Addition oder Subtraktion
- Klammern auflösen.
- Realteile zusammenfassen.
- Imaginärteile zusammenfassen.
- Ergebnis als schreiben.
Multiplikation
- Klammern vollständig ausmultiplizieren.
- einsetzen.
- Real- und Imaginärteil zusammenfassen.
Division
- Konjugierte Zahl des Nenners bestimmen.
- Zähler und Nenner damit multiplizieren.
- verwenden.
- Ergebnis in Komponentenform schreiben.
Polarform
- Betrag bestimmen.
- Quadranten feststellen.
- Argument bestimmen.
- schreiben.
23. Zusammenfassung
Komponentenform
mit
Real- und Imaginärteil
Betrag
Polarform
Gaußsche Zahlenebene
Fundamentalsatz der Algebra
Jedes nichtkonstante komplexe Polynom besitzt mindestens eine komplexe Nullstelle.
Merke:
Komponentenform beschreibt die Zahl durch Real- und Imaginärteil.
Polarform beschreibt dieselbe Zahl durch Länge und Richtung.