Eine Binomialverteilung beschreibt die Anzahl der Treffer in einer festen Zahl gleichartiger, unabhängiger Versuche. Der wichtigste Schritt ist nicht das Einsetzen, sondern das Verstehen der Formelbestandteile.
Zentraler Gedanke: Die Binomialverteilung beschreibt nicht nur einzelne Trefferwahrscheinlichkeiten. Aus und lassen sich auch die langfristige Lage und die Streuung der Trefferanzahl unmittelbar bestimmen.
1. Wann liegt ein Binomialmodell vor?
Eine Zufallsvariable ist binomialverteilt, wenn alle vier Bedingungen erfüllt sind:
- Das Experiment wird genau -mal durchgeführt.
- Jeder Versuch besitzt genau zwei relevante Ergebnisse: Treffer oder kein Treffer.
- Die Trefferwahrscheinlichkeit bleibt in jedem Versuch gleich.
- Die Versuche beeinflussen einander nicht.
Dann schreibt man:
Dabei zählt die Anzahl der Treffer.
2. Bedeutung von , , und
Beispiel: Eine Maschine produziert fünf Teile. Jedes Teil ist mit Wahrscheinlichkeit fehlerhaft. zählt die fehlerhaften Teile.
Gesucht sei die Wahrscheinlichkeit für genau zwei fehlerhafte Teile:
3. Die Binomialformel als Gesamtbild
Die Formel besteht aus drei . Jeder Faktor beantwortet eine eigene Frage:
4. Linke Seite:
bedeutet:
Wahrscheinlichkeit für genau Treffer.
Beispiel:
ist die Wahrscheinlichkeit für genau zwei Treffer. Nicht gemeint sind höchstens zwei oder mindestens zwei Treffer.
5. Der Binomialkoeffizient
zählt, auf wie viele Arten die Treffer auf die Versuche verteilt werden können.
Bei fünf Versuchen und genau zwei Treffern sind beispielsweise möglich:
und weitere Anordnungen.
Insgesamt gilt:
Am Taschenrechner:
5 nCr 2 =
6. Der Faktor
beschreibt die Wahrscheinlichkeit der Treffer.
Bei:
gilt:
7. Der Faktor
ist die Wahrscheinlichkeit für keinen Treffer.
Bei gilt:
Bei fünf Versuchen und genau zwei Treffern bleiben:
Nichttreffer. Daher:
8. Wahrscheinlichkeit einer festen Trefferfolge
Betrachte zunächst nur die feste Reihenfolge:
Ihre Wahrscheinlichkeit beträgt:
Zusammengefasst:
Diese Rechnung beschreibt nur eine bestimmte Anordnung der Treffer.
9. Warum alle drei Faktoren multipliziert werden
Die feste Folge ist nur eine der möglichen Anordnungen. Insgesamt gibt es:
Anordnungen mit genau zwei Treffern.
Daher:
In Worten:
Wahrscheinlichkeit einer festen Folge mal Anzahl aller passenden Anordnungen.
10. Vollständiges Beispiel
Eine Maschine produziert fünf Teile. Jedes Teil ist mit Wahrscheinlichkeit fehlerhaft. zählt die fehlerhaften Teile.
Gesucht:
Zuordnung:
Ansatz:
Berechnung:
In Prozent:
Deutung:
Die Wahrscheinlichkeit, dass genau zwei der fünf Teile fehlerhaft sind, beträgt .
11. Faktor-für-Faktor-Kontrolle
Vor dem Rechnen wird geprüft:
12. Typischer Fehler: und vertauschen
Ist „Treffer“ als fehlerhaftes Teil definiert und gilt:
dann ist:
die Wahrscheinlichkeit für ein fehlerfreies Teil.
Vor jeder Rechnung wird notiert:
13. Typischer Fehler: vertauschen
Für genau Treffer gilt:
Für die verbleibenden Nichttreffer gilt:
Die Exponenten müssen gemeinsam wieder ergeben:
14. Randfälle
Kein Treffer
Für gilt:
Da und , folgt:
Nur Treffer
Für gilt:
15. Taschenrechner: Einzelwahrscheinlichkeit
Je nach Modell heißt die direkte beispielsweise:
binompdf
oder:
Binomial PD
Die Eingabereihenfolge ist meist:
n, p, k
Beispiel:
binompdf(5, 0.2, 2)
Ergebnis:
Die genaue Tastenfolge hängt vom Taschenrechnermodell ab. Ansatz und Bedeutung der Größen werden trotzdem immer notiert.
16. Genau, höchstens und mindestens
Genau
Wertemenge:
Höchstens
„Höchstens “ bedeutet:
Wertemenge:
Daher:
Mindestens
„Mindestens “ bedeutet:
Wertemenge:
17. Mehr als und weniger als
Mehr als
Wertemenge:
Weniger als
Wertemenge:
Die sprachliche Bedingung wird immer gemeinsam mit der vollständigen Wertemenge angegeben.
18. Gegenwahrscheinlichkeit
„Mindestens ein Treffer“ bedeutet:
Das Gegenereignis lautet:
Daher:
19. Intervallwahrscheinlichkeit
„Mindestens , aber höchstens “ bedeutet:
Wertemenge:
Dann:
20. Säulendiagramm lesen
Ein Säulendiagramm der Binomialverteilung zeigt:
- waagerecht die Trefferanzahl ,
- senkrecht die Wahrscheinlichkeit .
Eine Säule beantwortet eine Frage der Form:
Ein Bereich wie umfasst mehrere Säulen.
21. Erwartungswert der Binomialverteilung
Für
gilt:
Der Erwartungswert gibt die langfristig durchschnittliche Trefferanzahl an.
Beispiel: Bei unabhängigen Versuchen mit gilt
Passende Deutung:
Bei sehr vielen gleichartigen Wiederholungen sind durchschnittlich etwa Treffer pro Serie mit Versuchen zu erwarten.
Der Erwartungswert ist keine Garantie für eine einzelne Serie. Außerdem muss keine ganze Zahl sein, obwohl nur ganzzahlige Werte annehmen kann.
Beispiel:
liefert
Das bedeutet nicht, dass Treffer auftreten können. Es ist der langfristige Durchschnitt.
22. Varianz der Binomialverteilung
Für eine binomialverteilte Zufallsvariable gilt:
Die Varianz beschreibt die Streuung der Trefferanzahl um den Erwartungswert.
Die drei Faktoren haben eine klare Bedeutung:
Für oder ist die Trefferanzahl sicher festgelegt. Dann gilt:
Bei festem ist die Varianz für am größten. Je näher bei oder liegt, desto kleiner wird die Streuung.
23. Standardabweichung der Binomialverteilung
Die Standardabweichung ist die Quadratwurzel der Varianz:
Sie beschreibt die typische Streuung der Trefferanzahl um den Erwartungswert und besitzt dieselbe Einheit wie .
Da eine Trefferanzahl ist, wird ebenfalls in Treffern angegeben. Die Varianz besitzt entsprechend die Einheit .
Wichtig: Die Standardabweichung ist nicht , sondern die Quadratwurzel dieses Ausdrucks.
24. Vollständiges Beispiel zu Lage und Streuung
Eine Maschine produziert Teile. Jedes Teil ist mit Wahrscheinlichkeit fehlerhaft. Es werden Teile unabhängig betrachtet. zählt die fehlerhaften Teile.
Damit:
Erwartungswert:
Varianz:
Standardabweichung:
Sachgerechte Deutung:
Langfristig sind durchschnittlich fehlerhafte Teile pro Gruppe von Teilen zu erwarten. Die Trefferanzahl streut typischerweise um ungefähr fehlerhafte Teile um diesen Erwartungswert.
Die Standardabweichung liefert keine Garantie, dass jede beobachtete Trefferanzahl höchstens vom Erwartungswert entfernt ist.
25. Gleicher Erwartungswert, unterschiedliche Streuung
Zwei Binomialverteilungen können denselben Erwartungswert, aber unterschiedliche Varianzen und Standardabweichungen besitzen.
Verteilung :
Verteilung :
Beide Verteilungen besitzen dieselbe langfristig durchschnittliche Trefferanzahl. Die Trefferanzahlen von streuen jedoch stärker um .
Merksatz: beschreibt die Lage. und beschreiben die Streuung.
26. Plausibilitätskontrollen
27. Arbeitsablauf
Zusammenfassung
- bedeutet genau Treffer.
- zählt die möglichen Trefferanordnungen.