Eine Zufallsvariable ordnet den Ergebnissen eines Zufallsexperiments Zahlen zu. Eine Wahrscheinlichkeitsverteilung zeigt anschließend, mit welcher Wahrscheinlichkeit jeder mögliche Wert auftritt.
Zentrales Ziel: Ergebnis, Zufallsvariable und Wert sicher unterscheiden, eine diskrete Verteilung erstellen und lesen sowie Erwartungswert, Varianz und Standardabweichung berechnen und im Kontext deuten.
1. Ergebnis, Zufallsvariable und Wert
Ein einzelnes Ergebnis eines Zufallsexperiments wird mit
bezeichnet.
Eine Zufallsvariable ordnet jedem Ergebnis eine Zahl zu:
Der zugeordnete Zahlenwert heißt:
Wichtig: ist ein Ergebnis. ist die Zuordnung. ist der zugeordnete Zahlenwert.
2. Beispiel: zweimal Münze werfen
Eine faire Münze wird zweimal geworfen.
Die Zufallsvariable zählt die Anzahl der Köpfe.
Die Ergebnisse und sind verschieden, liefern aber denselben Wert:
3. Grundraum und Wertemenge
Der Grundraum enthält die Ergebnisse:
Die Wertemenge enthält die möglichen Werte der Zufallsvariable:
Merksatz: In stehen Ergebnisse. In stehen Zahlenwerte.
4. Wahrscheinlichkeitsverteilung
Eine Wahrscheinlichkeitsverteilung gibt zu jedem möglichen Wert die Wahrscheinlichkeit
an.
Beim zweimaligen Werfen einer fairen Münze:
Begründung:
- tritt beim Ergebnis ein.
- tritt bei oder ein.
5. Eine Verteilung kontrollieren
Jede einzelne Wahrscheinlichkeit muss zwischen und liegen:
Alle Wahrscheinlichkeiten gemeinsam müssen ergeben:
Beim Münzbeispiel:
Eine negative Wahrscheinlichkeit oder eine Gesamtsumme ungleich ist nicht zulässig.
6. Vorgehen beim Erstellen einer Verteilung
- Grundraum angeben.
- Zufallsvariable definieren.
- Für jedes Ergebnis bestimmen.
- Gleiche Werte zusammenfassen.
- Zu jedem Wert die Wahrscheinlichkeit bestimmen.
- Kontrollieren, ob alle Wahrscheinlichkeiten gemeinsam ergeben.
7. Weiteres Beispiel: Gewinn beim Würfeln
Ein fairer Würfel wird einmal geworfen.
Die Zufallsvariable beschreibt den Gewinn:
- Bei einer gilt .
- Bei allen anderen Augenzahlen gilt .
Damit:
Die Verteilung lautet:
Fünf verschiedene Würfelergebnisse führen zum selben Wert .
8. Diskretes Säulendiagramm
Eine diskrete Wahrscheinlichkeitsverteilung kann mit getrennten Säulen dargestellt werden.
- Waagerechte Achse: mögliche Werte
- Senkrechte Achse:
- Säulenhöhe: Wahrscheinlichkeit des jeweiligen Werts
Die Säulen stehen getrennt, weil nur einzelne Werte möglich sind.
9. Einzelwahrscheinlichkeiten lesen
Steht in einer Tabelle:
dann bedeutet das:
Die Wahrscheinlichkeit, dass den Wert annimmt, beträgt .
Falsch wäre:
Die Zufallsvariable ist .
Die Zahl ist eine Wahrscheinlichkeit und kein möglicher Wert von .
10. Sprachliche Bedingungen mit Wertemengen
Es sei:
Dann werden sprachliche Bedingungen immer gemeinsam mit der zugehörigen Wertemenge angegeben.
11. Wahrscheinlichkeiten von Wertebereichen
Es sei:
Für:
gilt:
Für:
gilt:
12. Gegenereignis bei Wertebereichen
Es sei:
Das Gegenereignis lautet:
Damit:
Die sprachliche Verneinung und die Wertemenge werden immer gemeinsam angegeben.
13. Fehlende Wahrscheinlichkeit bestimmen
Gegeben ist:
Alle Wahrscheinlichkeiten müssen gemeinsam ergeben:
Kontrolle:
14. Erwartungswert
Der Erwartungswert ist ein gewichteter Durchschnitt der möglichen Werte.
Jeder mögliche Wert wird mit seiner Wahrscheinlichkeit gewichtet.
15. Erwartungswert berechnen
Gegeben ist:
Dann:
16. Erwartungswert richtig deuten
Eine Auszahlung beträgt:
- Euro mit Wahrscheinlichkeit ,
- Euro mit Wahrscheinlichkeit .
Dann:
Die Auszahlung Euro ist bei einem einzelnen Versuch gar nicht möglich.
Passende Deutung:
Bei sehr vielen Wiederholungen beträgt die durchschnittliche Auszahlung langfristig ungefähr Euro pro Versuch.
Falsch wäre:
Beim nächsten Versuch erhält man sicher Euro.
17. Einheit des Erwartungswerts
Besitzt die Zufallsvariable eine Einheit, besitzt auch der Erwartungswert dieselbe Einheit.
Beispiele:
- Gewinn in Euro
- Wartezeit in Minuten
- Anzahl Treffer
- Anzahl fehlerhafter Teile
Wahrscheinlichkeiten besitzen keine Einheit.
18. Erwartungswert kontrollieren
Bei einer endlichen Verteilung liegt der Erwartungswert zwischen dem kleinsten und dem größten möglichen Wert.
Für:
muss gelten:
Ein Erwartungswert von zeigt einen Rechen- oder Zuordnungsfehler.
19. Varianz
Der Erwartungswert beschreibt die langfristige Mitte einer Verteilung. Er sagt noch nicht, wie stark die möglichen Werte um diese Mitte streuen.
Die Varianz berücksichtigt deshalb die Abstände der möglichen Werte vom Erwartungswert:
Das Vorgehen besteht aus vier Schritten:
- Erwartungswert berechnen.
- Für jeden möglichen Wert die Abweichung bestimmen.
- Die Abweichungen quadrieren.
- Die quadrierten Abweichungen mit den zugehörigen Wahrscheinlichkeiten gewichten und addieren.
Warum werden die Abweichungen quadriert? Positive und negative Abweichungen würden sich sonst gegenseitig aufheben. Durch das Quadrieren werden alle Beiträge nichtnegativ und große Abweichungen stärker gewichtet.
Eine oft nützliche gleichwertige Formel lautet:
Dabei ist
20. Standardabweichung
Die Standardabweichung ist die Quadratwurzel der Varianz:
Sie beschreibt, wie stark die Werte typischerweise um den Erwartungswert streuen.
- Kleine Standardabweichung: Die Werte liegen eher nahe beim Erwartungswert.
- Große Standardabweichung: Die Werte liegen weiter auseinander.
- : Die Zufallsvariable nimmt mit Wahrscheinlichkeit immer denselben Wert an.
Einheiten: Die Varianz besitzt die quadrierte Einheit der Zufallsvariable. Die Standardabweichung besitzt wieder dieselbe Einheit wie und ist deshalb meist leichter im Kontext zu deuten.
Beispiele:
- Gewinn in Euro
in , in Euro - Wartezeit in Minuten in , in Minuten
21. Varianz und Standardabweichung berechnen
Gegeben ist:
Zuerst wird der Erwartungswert berechnet:
Anschließend werden die quadrierten Abweichungen gewichtet:
Damit:
Passende Deutung:
Die Werte der Zufallsvariable liegen typischerweise ungefähr Einheiten vom Erwartungswert entfernt.
Die Formulierung „typischer Abstand“ ist eine Deutungshilfe. Sie bedeutet nicht, dass jeder einzelne Wert genau diesen Abstand besitzt.
22. Gleicher Erwartungswert, unterschiedliche Streuung
Zwei Zufallsvariablen können denselben Erwartungswert, aber verschiedene Standardabweichungen besitzen.
Verteilung :
Es gilt:
Verteilung :
Es gilt:
Beide Verteilungen besitzen dieselbe langfristige Mitte. Bei liegen die möglichen Werte aber weiter vom Erwartungswert entfernt. Deshalb ist die Standardabweichung von größer.
Merksatz: Der Erwartungswert beschreibt die Lage der Verteilung. Varianz und Standardabweichung beschreiben ihre Streuung.
23. Varianz und Standardabweichung kontrollieren
Für jede diskrete Zufallsvariable gilt:
und
Eine negative Varianz oder Standardabweichung ist unmöglich.
Außerdem gilt:
genau dann, wenn die gesamte Wahrscheinlichkeit bei einem einzigen Wert liegt.
Bei einer sinnvollen Rechnung werden außerdem Größenordnung und Einheit geprüft:
- Passt die Streuung zur Breite der möglichen Werte?
- Wurde bei der Varianz die Einheit quadriert?
- Wurde für die Standardabweichung die Quadratwurzel gezogen?
- Wurden alle möglichen Werte und Wahrscheinlichkeiten berücksichtigt?
24. Typische Fehler
Ergebnis und Wert verwechselt
ist ein Ergebnis. ist der zugeordnete Zahlenwert.
Grundraum und Wertemenge verwechselt
enthält Ergebnisse. enthält mögliche Werte.
Gleiche Werte nicht zusammengefasst
Verschiedene Ergebnisse können denselben Wert von liefern.
Verteilung nicht kontrolliert
Alle Wahrscheinlichkeiten müssen zwischen und liegen und gemeinsam ergeben.
Bedingung ohne Wertemenge angegeben
Zu „höchstens “ gehört bei die Wertemenge .
Wert und Wahrscheinlichkeit verwechselt
Aus folgt nicht .
Erwartungswert als sicheres Ergebnis gedeutet
Der Erwartungswert beschreibt einen langfristigen Durchschnitt.
Einheit vergessen
Ein erwarteter Gewinn wird in Euro angegeben.
Abweichungen nicht quadriert
Ohne Quadrieren können sich positive und negative Abweichungen gegenseitig aufheben.
Wahrscheinlichkeiten beim Streuen vergessen
Jede quadrierte Abweichung muss mit der zugehörigen Wahrscheinlichkeit gewichtet werden.
Varianz und Standardabweichung verwechselt
Die Standardabweichung ist die Quadratwurzel der Varianz.
Einheit der Varianz falsch angegeben
Die Varianz besitzt die quadrierte Einheit. Erst die Standardabweichung besitzt wieder die ursprüngliche Einheit.
Gleicher Erwartungswert mit gleicher Verteilung verwechselt
Zwei Verteilungen können denselben Erwartungswert, aber sehr unterschiedliche Streuungen besitzen.
25. Arbeitsablauf
Zusammenfassung
- Eine Zufallsvariable ordnet Ergebnissen Zahlen zu.
- Mehrere Ergebnisse können denselben Wert liefern.
- enthält Ergebnisse, enthält Zahlenwerte.
- Eine Wahrscheinlichkeitsverteilung ordnet jedem Wert die Wahrscheinlichkeit zu.